Berlin (EAST SEA) Sonntag, November 20th, 2022 / 21:53

Deutscher Experte: “Die steigende Bedeutung Vietnams macht Vietnam für Deutschland zu einem interessanten Partner”

Um die deutsch-vietnamesischen Beziehung in letzter Zeit zu bewerten, führte der Reporter ein Interview mit Herrn Dr. Daniel Müller – Der Regionalmanager ASEAN der German Asia-Pacific Business Association (OAV).

1. Sehr geehrter Dr. Müller, können Sie uns Ihre Einschätzung über deutsch-vietnamesische Beziehung in letzter Zeit, sowie die Position Vietnams in der gegenwärtigen Asien-Pazifik-Politik der Bundesregierung mitteilen?

In Deutschland findet gerade eine Debatte statt, mit welchen Ländern man in Zukunft vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Spannungen stärker kooperieren soll. Hier gehört Vietnam hinzu. Dies hat einmal damit zu tun, dass Deutschland und Vietnam ein hohes gemeinsames Interesse an offenen Märkten sowie an einer liberalen und auf Regeln basierenden Weltwirtschaft haben. Die steigende Bedeutung Vietnams innerhalb der ASEAN-Gruppe macht Vietnam für Deutschland auch zu einem interessanten Partner, mit dem man potenziell Stabilität fördernde Entwicklungen in ganz Südostasien vorantreiben kann. Dabei ist Deutschland generell bestrebt, Vietnam zu einer aktiveren Außenpolitik zu bewegen – mit einem stärkeren Eintreten für das Völkerrecht, einem größeren Engagement in internationalen Organisationen und bei Maßnahmen gegen den Klimawandel. Zum anderen ist Vietnam ein attraktiver wirtschaftlicher Zukunftsmarkt, auf dem es noch viele bislang ungenutzte gemeinsame wirtschaftliche Chancen und Gelegenheiten gibt. Vietnam kann dabei auch einen wichtigen Beitrag zum Ziel einer größeren Diversifizierung der Aktivitäten deutscher Unternehmen in Asien leisten. Aus diesen Gründen hat sich der deutsche Bundeskanzler entschieden, auf seinem Weg zum G20-Gipfel in Bali nach Vietnam zu reisen. 

2. Seitdem EVFTA in Kraft trat, ist deutsch-vietnamesische Handelsaustausch stetig gewachsen. Wie schätzen Sie die deutschen-vietnamesischen Handelsbeziehung in der Zukunft ein?

Es zeigt sich, dass EVFTA schon direkte Beiträge zur weiteren Erhöhung des ohnehin schon seit Jahren kontinuierlich ansteigenden deutsch-vietnamesischen Handelsvolumens erbracht hat. Angesichts der aktuellen Versuche deutscher Unternehmen, ihr Engagement in Vietnam zu erhöhen wie aber auch umgekehrt der Versuch vietnamesischer Unternehmen verstärkt in Deutschland aktiv zu werden, dürfte dieser Wachstumstrend in den Handelsbeziehungen weiter anhalten. Auch sich weiter vertiefende politische Beziehungen zwischen den beiden Ländern dürften hierzu einen förderlichen Beitrag leisten. 

3. Begleitet wurde Herr Bundeskanzler Scholz diesmal von vielen deutschen Großunternehmen. Wie beurteilen Sie das Investitionsumfeld in Vietnam heute? Was wollen deutsche Unternehmen auf dem vietnamesischen Markt? Könnte man jetzt schon auf neue deutsche Investitionswelle in Vietnam spekulieren?

Die deutschen Unternehmen sind einmal an Vietnam als Standort zur Diversifizierung aus China heraus interessiert. Zum anderen möchten sie auch Schritt für Schritt die vielen Potenziale des vietnamesischen Marktes erschließen, etwa in den Bereichen Medizintechnik, Energie, Infrastruktur oder bei der arbeitsintensiven industriellen Fertigung. Was die Neuausrichtung der internationalen Lieferketten mit Vietnam als Sourcingquelle betrifft, könnte Vietnam von diesem Trend profitieren. Andererseits stellen die Lieferkettensorgfaltspflichtengesetze (Supply Chain Law) von Deutschland und künftig auch der EU Vietnam vor Herausforderungen, die dort geforderten Standards zu erfüllen. Perspektivisch dürfte Vietnam auch aus deutscher Sicht als Absatzziel für Konsumprodukte noch stärker in den Fokus rücken. Generell ist zu beachten, dass Investitionsentscheidungen von Unternehmen eher mittelfristig wirksame Projekte sind, die etwas Zeit in Anspruch nehmen. 

4. Trotz globaler Schwierigkeiten der Weltwirtschaft hat Vietnam in letzter Zeit gute Ergebnisse in der Wirtschaft geerntet. Wie bewerten Sie diese Ergebnisse sowie die Führungsrolle der vietnamesischen Regierung?

Es ist bemerkenswert, dass es Vietnam gelingt, sich tendenziell von dem eingetrübten weltwirtschaftlichen Umfeld abzukoppeln. Das vietnamesische Wachstum könnte in 2022 in der Mitte zwischen 7 und 8 % liegen. Die Ursachen hierfür liegen einerseits in positiven Fundamentaldaten wie bspw. einer moderaten Staatsverschuldung. Andererseits wirken anhaltend hohe ausländische Direktinvestitionen und der Aufschwung in Branchen wie Industrie, Bau und Dienstleistungen positiv. Es spielen auch Erholungseffekte in der Industrie eine Rolle, nachdem das BIP-Wachstum in 2021 lediglich bei 2,6 % lag. Die vietnamesische Regierung hat daran sicherlich ihren Anteil, indem sie weiterhin Offenheit und die Bereitschaft zur Liberalisierung und Industrialisierung signalisiert und auch konkrete Maßnahmen ergreift. Mit Blick auf die zweite Hälfte der 2020er Jahre sind aber institutionelle Reformen nötig, die helfen, die wirtschaftliche Effizienz zu erhöhen. 

BND

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